"Die Zeit der Jugend"


Die Zeit der Jugend England, Frankreich, USA 1998
Produktion: Merchant-Ivory/British Screen
Produzent: Ismail Merchant
Regie: James Ivory
Buch: Ruth Prawer, James Ivory
Kamera: Jean-Marc Fabre Musik: Richard Robbins

Darsteller:
Kris Kristofferson .... Bill Willis
Barbara Hershey .... Marcella Willis
Leelee Sobieski .... Channe Willis
Jesse Bradford .... Billy Willis
Jane Birkin .... Mrs. Fortescue
Dominique Blanc .... Candida
Virginie Ledoyen .... Billy's Mother
Anthony Roth Costanzo .... Francis Fortescue
Harley Cross .... Keith Carter
Isaach De Bankolé .... Mamadou
Macha Méril .... Madame Beauvier
Nathalie Richard .... Mademoiselle Fournier
Bob Swaim .... Bob Smith
Luisa Conlon .... Young Channe
Samuel Gruen .... Benoit/Young Billy
und Virginie Ledoyen
Länge: 110 Min. FSK: 16

Filmmusik wird abgespielt

Drei Episoden aus dem Leben einer amerikanischen Familie, die, zunächst in Paris lebend, einen Adoptivsohn integriert, Jahre später mit den ersten Liebeswirren der Tochter konfrontiert wird, um sich dann, nach Amerika zurückgekehrt, in eine ihr fremd gewordene Gesellschaft einleben muß. Ein mit einfühlsamem Blick vor allem auf die Kinder außergewöhnlich elegant ine-znierter Film, der ganz von der Zuneigung des Regisseurs zu seinen Protagonisten geprägt ist. Basierend auf dem 1990 erschienenen Roman A Soldier’s Daughter Never Cries von Kaylie Jones, Tochter des amerikanischen Schriftstellers James John (1921- 1977), beleuchtet der Film in drei Kapiteln den Alltag einer Familie in den 60er und 70 Jahren. Der liebevolle, detailfreudige Blick auf die sehr persönliche Geschichte der Werte-vorstellungen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Die Handlung setzt ein, als der in Paris lebende amerikanische Schriftsteller Bill Willis (Kris Kristofferson) und seine Frau ( Barbara Hershey) den sieben Jahre alten Benoît (Samuel Gruen) aufnehmen. Bills und Marcellas leibliche Tochter Channe (Luisa Conlon), im gleichen Alter wie Benoît, ist zunächst gar nicht begeistert. Doch die liebevolle Atmosphäre in der Familie sorgt rasch für eine Entkrampfung der Situation. Channe und Benoît, der sich bald Little Billy nennen läßt, werden zu besseren Freunden als es oftmals Geschwister von Geburt sind. Parallel zu Channes und Billys Entwicklung, bis zu ihrem Eintritt in das Erwachsensein (ab dem 14. Lebensjahr gespielt von Leelee Sobieski und Jesse Bradford), zeichnet der Film in einem facettenreichen Kaleidoskop pointierter Bilder die Geschichte einer Familie zwischen europäischer und US-amerikanischer Kultur, traditionellen und modernen Lebensmuster, persönlichen Höhen und Tiefen. Mit seinem letzten Film Mein Mann Picasso war James Ivory aus seiner seit Jahren erfolgreichen Tradition der stilsicheren Literaturadaptionen ausgebrochen. Und schon war ihm das Publikum untreu geworden, weil es seinen eleganten Inszenierungsstil verinnert hatte, mit dem er den Werken von E.M. Forster (Maurice, Zimmer mit Aussicht,) und Henry James (Die Europäer, Die Damen aus Boston,) zu einer adäquaten Leinwand-Wiederauferstehung verhalf. Auch mit Zeit der Jugend verläßt Ivory das gepflegte Ambiente längst vergangener Zeiten, setzt weniger auf grandios eingefangene Landschafts-Tableaus, exquisite Ausstattung und große Gefühle, sondern wirft einen eher modernen Blick auf das Innenleben seiner Protagonisten. Ganz frei von Nostalgie ist auch diese Sichtweise nicht, nimmt sie doch die 60er und 70er Jahre zum Anlaß, um in drei Kapiteln eine Geschichte über das Erwachsenwerden und - wie könnte es bei Ivory anders sein - das Wandern zwischen zwei Kulturen zu erzählen. Im ersten Kapitel (Billy) steht der siebenjährige Benoit im Mittelpunkt, den der amerikanische, mit Ehefrau Marcella und Tochter Channe in Paris lebende Schriftsteller Bill Willis bei sich aufnimmt. Während Marcella den Jungen mit Zuneigung und Geschenken verwöhnt, ist Channe eher eifersüchtig auf das gleichaltrige Brüderchen und flüchtet sich in die Arme ihres Hausmädchens Candida. Trotz der Zuneigung der Pflegeeltern öffnet sich Benoit erst, als Channe ihre Eifersucht überwindet. Als Zeichen seines Dazugehörigkeitsgefühls nennt er sich fortan Billy. Das Glück scheint perfekt, als Benoits Mutter, die ihn nach der Geburt in ein Heim gegeben hatte, den Adoptionsvertrag unterschreibt. Dabei über-gibt sie Marcella das Tagebuch, das sie als 15jährige während ihrer Schwangerschaft führte, damit Benoit später seinen Ursprüngen nach-forschen kann. Das zweite Kapitel ist Francis gewidmet, dem ebenfalls aus den USA stam-menden Klassenkameraden der nun 14jährigen Geschwister. Der bei seiner alleinerziehenden Mutter (schrill-überspannt: Jane Birkin) lebende androgyne Junge liebt es, sich als Bohemien zu geben und mit Kastratenstimme Mozart-Arien zu singen. In der gleichen Weise, wie sich Channe zu ihm hingezogen fühlt, bleibt Billys Verhältnis zu Francis ambivalent. Als das Mädchen seine Liebe zur Literatur und zum Schreiben entdeckt, vernachlässigt es den Freund, dessen Gefühle für Channe doch stärker waren, als er sich zugestehen wollte. Als er seine Liebe gesteht, zerbricht die Freundschaft. Kurz darauf beschließt Bill, in die USA zurückzukehren, um dort sein Buch zu vollenden. Daddy ist das letzte Kapitel über-schrieben, das an der amerikanischen Ostküste spielt. Bills Arbeitsfreude wird nun durch seine gesundheitlichen Probleme überschattet, eine Herzschwäche. Marcella flüchtet aus Verzweiflung in den Alkohol. Den Geschwistern fällt vor allem die Eingewöhnung in die neue Schule schwer. Channe tröstet sich mit diversen Liebhabern, während sich Billy immer mehr in sich zurückzieht. Bill, der nach einem Herzinfarkt Channe vom Krankenbett aus ein Buch diktiert, hofft, daß Billy vielleicht über das Tagebuch seiner Mutter wieder zu sich findet. Als Channe sich ernsthaft in einen Mitschüler verliebt und trotz Marcellas Bitte, zu Hause zu bleiben, den Silvesterabend mit ihm verbringt, stirbt ihr Vater in genau dieser Nacht. Es ist kein Wunder, daß James Ivory von der auto-biografisch gefärbten Romanvorlage der James-Jones-Tochter Kaylie Jones angetan war, trifft er doch hier auf jene modernen Nomaden, die auch in seinen Filmen immer wieder anzutreffen sind. Mit leiser Ironie, aber nie einen Zweifel daran lassend, daß er diese Familie liebt, zeichnet er ein warmherziges Porträt seiner Protagonisten. Obwohl die Entwicklung der beiden Kinder dabei im Vordergrund steht, wirft Ivory doch immer wieder pointiert-kritische Schlaglichter aufs (Zeit-)Geschehen. Die Arroganz Bills, der sich in keiner Weise bemüht, die Sprache seines Gastgeberlandes zu erlernen, setzt sich in der Ignoranz und Intoleranz der amerikanischen College-Schüler fort, die ihren euro-päischen Mitschülern Channe und Billy einen wahren Kulturschock bereiten. Während in den USA weiterhin das Faustrecht regiert, um Andersdenkende zu belehren, protestieren die kultivierten Europäer mit einer Inszenierung der Oper Salomé, deren Protagonisten sich in Plastiksesseln lümmeln und Heroin spritzen. Genau wie in diesen entgegengesetzten Verhaltensweisen und Reaktionen spiegeln zwei Personen die Gegen-sätzlichkeit der alten und der neuen Welt: hier der sich ständig selbst inszenierende Francis, dort der etwas ungehobelte, aber gradlinige Bill. Kris Kristofferson spielt ihn mit dem spröden Charme eines modernen Cowboys, während Anthony Roth Costanzo nicht so viel Distanz zu seiner Rolle findet und reichlich überkandidelt wirkt. Die große Überraschung aber ist die 16jährige Leelee Sobieski, die ihre erste Hauptrolle spielt und so gar nichts von der nichtssagenden Schönheit amerikanischer Teenie-Stars an sich hat. Sie ist in ihrer Wahr-haftigkeit die europäischste aller Figuren und agiert, als spiele sie bewußt gegen die Oberflächlichkeit ihrer jungen Hollywood-Kolleginnen an. Wie immer gehen bei Ivory Eleganz und Nostalgie einen traumhaft leichten Inszenierungsstil ein, der in einer Szene besonders sinnfällig wird: Da schwebt die Lehrerin wie auf einer Wolke in die Klasse ein, und he man über die Irritation nachdenken kann, ist der Film schon wieder auf dem Boden der Realität gelandet. Solche Sprünge vollführen Ivorys Protagonisten ständig, denn während Soldaten-töchter nie weinen, weinen Schriftstellertöchter ständig. Und das ist völlig in Ordnung so, zeigt Channe doch damit, daß sie das Leben an sich heranläßt.


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Das Mädchen auf dem Cover ist