"Eyes Wide Shut"


Originaltitel: Eyes Wide Shut
Land und Jahr: USA 1999
Technik: 35 mm/Farbe (DeLuxe) & sw • DTS / Dolby Digital/SDDS
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Frederic Raphael, Arthur Schnitzler
Vorlage: Arthur Schnitzler, Traumnovelle (1926)
Kamera: Larry Smith
Schnitt: Nigel Galt
Effekte: Effects Associate Ltd.
Musik: Jocelyn Pook (Originalmusik), György Ligeti (Musica Ricercata No. 2)
Ausstattung: Leslie Tomkins, Roy Walker
Kostüme: Marit Allen
Maske: Robert McCann
Produktion: Hobby Films, Pole Star, Warner Bros., Stanley Kubrick
Co-Produzent: Brian W. Cook, Jan Harlan (ausführend)
Uraufführung: 13.7.1999 in Los Angeles
US-Kinostart: 16.7.1999
deutscher Kinostart: 30.9.1999 (Warner), Länge: 159 Minuten, FSK ab 16 Jahre

Darsteller:
Tom Cruise .... Doctor William "Bill" Harford
Nicole Kidman .... Alice Harford
Leelee Sobieski .... Milich's Tochter
Madison Eginton .... Helena Harford
Jackie Sawiris .... Roz
Sydney Pollack .... Victor Ziegler
Leslie Lowe .... Illona
Peter Benson (III) .... Bandleader
Todd Field .... Nick Nightingale
Michael Doven .... Ziegler's Secretary
Sky Dumont .... Sandor Szavost
Louise J. Taylor .... Gayle
Stewart Thorndike .... Nuala
Randall Paul .... Harris
Julienne Davis .... Mandy

Das Ehepaar Harford: Wiliam (Tom Cruise) ist ein erfolgreicher Arzt, Alice (Nicole Kidman) eine nicht ganz so erfolgreiche Galeristin. Die Ehe der beiden ist glücklich, sie haben ein gemeinsames Kind und die Liebe zwischen den beiden ist immer noch so frisch, wie am ersten Tag. Bis sie von einem Patienten zu einer Party eingeladen werden. Am nächsten Abend reden Wiliam und Alice über die Party. Unter dem Einfluß des Joints, den sich beide geteilt haben, eskaliert die Unterhaltung. Alice gesteht ihm, daß sie vor Jahren bei einem gemeinsamen Urlaub einen Mann gesehen habe, für den sie alles stehen und liegen gelassen hätte, wenn er sie nur darum gebeten hätte. Dieser nur in der Phantasie vollzogene Ehe-bruch bringt William vollkommen aus dem see-lischen Gleichgewicht. Immer wieder stellt er sich vor, wie es die beiden getrieben haben könnten. In einem Impuls aus Rache und Eifer-sucht will er dann Alice mit einer anderen Frau be-trügen. Er irrt durch die Stadt, und trifft seinen alten Schulfreund Nick wieder, der sich als Pianospieler durchs Leben schlägt. Dieser erzählt ihm von einer phantastischen Orgie, die regelmäßig im geheimen auf einem außerhalb gelegenen Landsitz stattfindet. Menschen würden es dort, mit Masken und Kostümen verkleidet, vollkommen zügellos zur Sache gehen lassen. William beschließt sich dort einzuschleichen, nicht ahnend auf was er sich dort einlassen wird und wie es sein weiteres Leben ändern wird. Stanley Kubricks letzter Film, über 30 Jahre hinweg konzipiert, spaltet die Gemüter. Die Einen feiern die handwerkliche Grandezza eines der letzten großen Visionäre des neuzeitlichen Kinos, Andere empören sich über erotische Altherren-Fantasien, die Dar-stellung der Frauen als vom Sexus geleitete Objekte männlicher Allgewalt. Beides trifft zu. Eyes Wide Shut ist ohne Zweifel ein komplexes Werk, frei entworfen nach Motiven aus Arthur Schnitzlers Traumnovelle. Kubrick verlegte die Handlung vom Wien der Jahrhundertwende ins New York der Neuzeit. Ihn interessierte das Allgemeingültige einer Situation, in der innerhalb einer intakten Partnerschaft Mißtrauen keimt und neue Schuld gebiert. Der zentrale Konflikt jedoch, hervorgerufen durch das Geständnis eines einzelnen Traumes, der zudem lange zurückliegt, erscheint von Beginn an eine Kopfgeburt. Schnitzlers dicht geknüpftes Netz der freudianischen Verstrickungen und katholischen Schuldkomplexe war in konkreten ge-sellschaftlichen Regeln und Normen verankert, die heute nicht mehr bestehen. Kubrick selbst unterläuft bereits die zugeknöpfte Moralvorstellung, wenn er sein Ehepaar unbefangen nackt in den häuslichen vier Wänden vorstellt. Das Schockmoment einer sexuellen Demütigung, die auf reiner Fantasie be-ruht, hätte einer Anpassung an diese heutige Konventionen bedurft. Kubricks Inszen-ierung pflegt wie schon in Barry Lyndon und Shining eine subtile Gratwanderung zwischen höchster Stilisierung und peniblem Naturalismus. Es soll echt aussehen, wahrhaftig. Entsprechend sind die Räume aus-geleuchtet. Es gibt keine Lichtquellen, die nicht auch noch im Bild zu sehen wären. Andererseits sind Stimmungen und Gefühle in wundersam fließendem Schnitt akzentuiert, schälen sich aufwallende Emp-findungen in intensiver szenischer Verdichtung heraus. Kidmans Tanz mit Sky Dumont als ex-otischer Verführer ist wohl ein nuanciert ausge-arbeitetes Katz- und Mausspiel gegenseitiger Ver-lockungen. Der Regieblick ist klinisch kühl be-obachtend, der Aufwand an Bewegung bei Akteuren und Kamera beinah statisch, aber im Gesamtspiel ergibt sich eine der hypnotischen Spannkraft von fesselnder Eindringlichkeit. Tom Cruise bekommt zwar seine physischen Manierismen nie ganz in den Griff. Trotzdem erscheint seine Darstellung nicht als Starauftritt. Seine Odyssee durch die Versuchungen der Nacht nimmt den größten Teil des Films ein. Kubrick inszeniert das als Eskalation fleischlicher Verlockungen, die in einer dekadenten High-Society-Orgie gipfeln, wo alle die Beteiligten wie beim einem der Venezianischen Karneval maskiert sind. Die pompöse Selbstgefälligkeit der Szene erinnert an die europäischen Skandalfilme der frühen 70er Jahre. Kubrick aber ist kein Mann des banalen Kulturschocks; dafür fehlt es ihm an Effektlust und Humor. Er will das Unheilvolle und Be-deutungsschwere, aber seine Vorstellung von Exzess bleibt in prüden Altherren-Fantasien stecken. Eyes Wide Shut ist kein schlechter Film, eher schon ein gescheiterter. Er leidet unter dem Dilemma eines Filmemachers, dessen bizarres Streben nach Perfektion den Blick auf die Realitäten verstellt hat. Das Psychogramm eines individuell erlebten ehelichen Fegefeuers sollte vor allem wegen seiner formalen Delikatesse genossen werden. Daß der Film aufgrund einiger freizügiger Szenen des Ehepaares Cruise/Kidman in Amerika zum Skandal hochstilisiert wurde und dort nur in einer entschärften Version in die Kinos kam, ist ganz und gar bedeutungslos. Kubricks Vermächtnis mag begeistern, enttäuschen oder verärgern. Ein Sexfilm ist es ganz sicher nicht.

© 1995 - 2012 www.leeleesobieski.de